Interview mit der Regisseurin Shabnam Tolouei
Mit der Uraufführung von „Bahman-Bagdad“ am Sonntag, dem 19. September 2010, in der Fabrik Heeder in Krefeld, leitet das neue Leitungsteam des designierten Generalintendanten Michael Grosse die Reihe „Außereuropäisches Theater“ ein: Ab der Spielzeit 2010/2011 laden die Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach jährlich ein Regieteam eines uns fremden Weltteils ein, um am Gemeinschaftstheater zu inszenieren. Das Theaterstück „Bahman-Bagdad“ der bekannten iranischen Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Shabnam Tolouei, die seit 2004 im Pariser Exil lebt, wurde 2003 unter ihrer Regie in Teheran zunächst geprobt, bevor es kurz vor der Premiere verboten wurde. Während der Vorprobenzeit in Krefeld entstand kurz vor der Sommerpause dieses Interview mit ihr:
Frau Shabnam Tolouei, Sie sind die Autorin und Regisseurin von „Bahman-Bagdad“. Worum geht es in dem Stück?
„Bahman-Bagdad“ ist eine Art Romanze, es ist eine Liebesgeschichte, die aber in einer Atmosphäre stattfindet, die keineswegs der Boden für eine Liebesgeschichte ist. Es ist eine Atmosphäre des Krieges.
Man kann auch sagen, dass es ein soziales Stück ist, das sich neben der Romanze mit den sozialen Problemen des Irans beschäftigt wie beispielsweise dem Krieg und der rechtlichen Situation der Frauen.
Können Sie sich erklären, warum das Stück kurz vor seiner geplanten Uraufführung 2003 in Teheran verboten wurde?
Auf diese Frage müsste im Grunde genommen das iranische Kultusministerium antworten, genauer das „Ministerium für korrekte islamische Erziehung“. Das ist etwas, was seit Jahren mit vielen Stücken gemacht wird und womit viele Theatergruppen zurecht kommen müssen. Und deshalb möchte ich hier unbedingt klarstellen, dass das Aufführungsverbot von „Bahman-Bagdad“ keine Ausnahme darstellt. Das sind hunderte von Stücken, mit denen das gleiche gemacht wird. Besonders schwer ist so etwas natürlich für die Leute, die in der Theaterwelt arbeiten, aber nicht fest angestellt sind. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre Inszenierungen Premiere feiern und aufgeführt werden, auch um Geld zu verdienen und somit von ihrer Arbeit leben zu können.
Oft werden die Stücke einfach abgesetzt ohne das Nennen von Gründen. Das war auch bei „Bahman-Bagdad“ so. Weil Iran im Moment oder beinahe ständig den Krieg propagiert, ist dies natürlich auch ein Thema, das die Künstler in ihren Stücken behandeln, vor allem, wenn sie keinen Krieg wollen. Dies geht aber nur auf eine indirekte Art und Weise. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Tatsache, dass es sich bei „Bahman-Bagdad“ um ein Anti-Kriegsstück handelt, wahrscheinlich ein Grund dafür ist, warum es nicht aufgeführt werden konnte. Wenn es noch andere Gründe geben sollte: Ich kenne sie nicht. Denn diese Leute nennen keine Gründe – niemals.
Nun wird „Bahman-Bagdad“ an einem deutschen Gemeinschaftstheater uraufgeführt. Haben Sie da noch etwas am Stück bzw. der Inszenierung im Vergleich zu 2003 verändert?
Natürlich gibt’s da Veränderungen. Das fängt schon damit an, dass ich nicht mehr im Iran lebe. Ich arbeite nicht in meiner Sprache. Die Bedingungen sind anders und dadurch kommen jetzt zwei verschiedene Kulturen ins Spiel, die ich beide integrieren will und miteinander verbinden muss. Deswegen versuche ich, erst einmal alles, was ich vorher schon erworben hatte, beiseite zu lassen und neue Erfahrung zu sammeln und zu schauen, wie ich was neu gestalten kann.
Natürlich habe ich aber ein Bild von den Protagonisten dieses Stückes vor Augen. Und genauso, wie ich im Iran versucht habe, die Schauspieler diesem Bild nahe zu bringen, mache ich es natürlich auch jetzt und hier.
Arbeiten Sie zum ersten Mal an einem deutschen Theater?
Nein. Es ist nicht das erste Mal. Seit 2002 habe ich als Schauspielerin in dem Stück "Kiss you in tears" wiederholt in verschiedenen Städten Deutschlands gespielt. Dann habe ich ein Stück für Mühlheim vorbereitet: "Bitter Coffee". Aber es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mein Text auf Deutsch gespielt wird und ich mit deutschen Schauspielern arbeite.
Wie läuft die Arbeit mit dem Team und den Schauspielern ab? Wie können Sie die Arbeit bewerten, wenn die Darsteller deutsch sprechen?
Wir versuchen, außerhalb der Sprache – also der Sprache, die aus Wörtern besteht – einen Weg der Kommunikation und des Ausdrucks zu finden. Wir sprechen zwar Englisch miteinander und mit einigen Schauspielern spreche ich manchmal auch Französisch. Aber das, was passiert, geht meiner Meinung nach über die Grenzen der Sprache hinaus, und ich komme immer mehr zu dem Urteil, dass die Menschen unterschiedlicher Länder und Weltregionen überhaupt sehr verschieden sind, und andererseits auch sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Würde ich mich nur auf die Unterschiede konzentrieren, würde das die Arbeit natürlich erschweren. Darum schaue ich vor allem darauf, was wir gemeinsam haben. Unsere Empfindsamkeiten ähneln sich: Unser Kummer ist gleich, wenn wir Schmerzen haben. Und wenn wir uns freuen und froh sind, wollen das alle Menschen auch nach außen hin zeigen. Wenn wir verliebt sind, klopft unser Herz. Das sind Dinge, um die es auch im Stück geht und die uns alle miteinander verbinden. Und da brauche ich eigentlich die Sprache nicht mehr, ich verstehe dann alles. Das ist sehr spannend und so empfinde ich meine Arbeit hier nicht nur als eine weitere professionelle Erfahrung. Für mich ist sie auch ein Erlebnis voller Liebe und Leidenschaft, das keiner Wörter mehr bedarf.
Worauf richten Sie den Fokus in Ihrer Inszenierung? Was ist Ihnen besonders wichtig zu beleuchten?
Das sind die verschiedenen Schichten der Persönlichkeit eines Menschen. Man kann sie widerspiegeln in dem zartesten Blick, den es geben kann, bis zur größten Bewegung, die ein Körper machen kann. Und demzufolge ist mein ganzer Fokus, meine ganze Konzentration auf dem Schauspieler, in dem Sinne, dass er das, was nicht im Text steht, mit seinem Verhalten zeigt.
Was wünschen Sie sich für die Premiere? Was möchten Sie mit der Uraufführung von „Bahman-Bagdad“ erreichen?
Im Grunde genommen ist es wie bei jedem Spiel, sei es im Iran, sei es in Paris oder auch hier. Ich möchte mit meinem Rezipienten reden. Beim Spiel und seiner Aufführung entsteht, denke ich, eine Dialektik: Also, wir haben eine These und eine Antithese. Mich interessiert die Synthese und das, was beim Zuschauer ankommt. Das ist für mich immer wichtig, aber diesmal besonders, weil mein Stück in einer anderen, mir fremden Sprache gespielt wird. Ich hoffe aber, dass es die Möglichkeit geben wird, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen und mit einander zu sprechen.
Darüber hinaus ist es mir aber auf jeden Fall auch wichtig, mit diesem Stück das Leid der Frauen in meinem Land zu zeigen. Und ich möchte vermitteln, was das Grauen der Kriegsjahre mit den Menschen im Iran gemacht hat und welchen Einfluss es auf ihre jeweiligen Persönlichkeiten hatte, wie sie durch die Erfahrungen des Krieges geprägt wurden. Dabei ist es mir nicht so wichtig, dass der Zuschauer mit den Feinheiten, die sehr iranisch sind, unbedingt klar kommt und sie alle versteht. Wenn am Tag der Premiere der Zuschauer mit dem Lachen der Schauspieler lachen kann, und mit ihnen weinen kann, dann ist das genau das, was ich erreichen wollte.