Wintermärchen als Wechselbad
Intendant Michael Grosse erweckt Heinrich Heine zum Leben
(...) Mit großer Präsenz schlüpft Grosse in die Rolle des Dichters und Erzählers, facettenreich und mit farbiger Diktion gestaltet er die unterschiedlichen Stimmungen der Kapitel. Dabei wird er nie zu laut oder pathetisch, sondern bedient sich einer wirkungsvollen Beiläufigkeit, um Heines schonungslose Kritik offenzulegen. Auch die feine Ironie und die hinter dem Spott durchschimmernde fast verzweifelte Vaterlandsliebe kommen in Grosses Interpretation wunderbar zum Ausdruck.. Ein Minimum an Requisiten (Tisch, Stuhl, Podet) genügt dem Darsteller, der den Text nicht nur rezitiert, sondern im Spiel zum Leben erweckt. Dabei zeigt sich die unglaubliche Modernität des Werks. Nicht zuletzt dadurch entsteht eine große Nähe zum Publikum. (...)
[Westdeutsche Zeitung, 17.11.2011]
Jubel für Heine-Abend
Als großartigen Sprecher erlebte das Publikum Intendant Michael Grosse bei der Premiere von "Deutschland. Ein Wintermärchen"
Der Intendant liebt die kleine Bühne. Denn es fällt Michael Grosse leicht, aus der räumlichen Nähe zum Publikum die Intimität wachsen zu lassen, die aus der kleinen Form ein großes Format macht. (…) Der Abend in der Heeder wäre Heine eine Bestätigung gewesen. Grosse füllt die rund 500 Verse mit so viel Farbe, dass auf der nur mit Podest, Stuhl und Beistelltisch möblierten Bühne jede Menge Bilder entstehen und die Aktualität und Ewig-Gültigkeit vieler Gedanken betont wird. In einem dynamischen Wechselspiel ist Grosse der Erzähler, der seine Eindrücke von Aachen bis Hamburg schildert. Und wechselt lebhaft in die Rollen der Beschriebenen. Als Vater Rhein spricht er mit der Stimme des alten Nörglers, den die Deutschtümelei seiner Anwohner nervt. Im Unschuldston preist er die Qualität von Rheinwein und Sauerkraut, damit der doppelbödige Unterton umso giftiger aufstößt: „Noch immer schmückt man den Schweinen bei uns mit Lorbeerblättern den Rüssel.“ (...) Heine reiste mit der Popstkutsche, Grosse düst wie ein Intercity durch den Text, den er seit 1984 auf die Bühne bringt. Diese Vertrautheit ist spürbar. In drei Silben bringt er die Trostlosigkeit langweiliger Provinz unter (Pa-der-born), mit einer Geste unterstreicht er Bedeutungen oder kejrt sie ins Gegenteil. So werden Leid und Leidenschaft des “Aufklärers aus Patriotismus” bildhaft. Ein knapp zweistündiges Vergnügen, das für Textkundige viele Nuancen mehr bietet.
[Rheinische Post, 17.11.2011]
Sprachgewaltiges Traumspiel
(...) Grosse (...) nutzte den Bühnenraum so selbstverständlich zur Sinnvermittlung aus, dass sein Spiel zu einer Nuancenvielfalt fand, die dem Erhalt der Konzentration diente. Das Tolle daran: Grosse demonstrierte nicht den stimmgewaltigen Verwandlungskünstler, der ständig Tonfall, Ausdruck und Emphasegrad mutiert. Nein, in der ersten Spielhälfte dominierte sogar ein ruhiger, fast sachlicher Grundton, der jedoch dank lebhafter Mimik und Gestik die jeweils passende Ausrichtung erfuhr. (...) An anderen Stellen legt er skurril-komischen Aplomb in die Stimme, unterhält imaginäre Wölfe im Teutoburger Wald in rhetorisch mustergültiger Haltung oder redet behutsam dem „Vater Rhein“ von einem Podest aus zu. (...) Dass Heine an seinem Heimatland ein Leben lang gelitten hat – auch das spart Grosse nicht aus. Einhelliger Beifall.
[Rheinische Post, 03.12.2010]
Wintermärchen ist immer noch hochaktuell
(...) Heines Gedicht ist souverän in seinem Witz, stark in seinen Bildern, meisterlich in seiner Sprache, ausgesprochen vielschichtig und frech. (...) Es ist meisterhaft, wie Heine es schafft, diesen Inhalt in eine strikte Form zu gießen. (...) Und wer befürchtet, dass das langweilig würde, wen man sich diesen gleichbleibenden Rhythmus fast zwei Stunden lang anhört, hat Grosse nicht gehört.
Der haucht dem Text Leben ein und ordnet sich ihm gleichzeitig hundertprozentig unter. Variiert im Tempo, im Duktus. Nutzt verschiedene Dialektfärbungen für die verschiedenen Personen, von denen Heine spricht. Untermalt sie punktgenau und sparsam mit Mimik und Gestik. Oft ist es nur eine Nuance in der Haltung, die er ändert – und die die Zuschauer fesselt. Es ist große Theaterkunst, die ihnen richtig nahe geht.
[Westdeutsche Zeitung, 03.12.2010]