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Theater Krefeld/Möchengladbach

Treppauf Treppab

Sitcom mit Präzisionsmechanik

Sechs Personen agieren in einem maroden viktorianischen Haus in der Provinz, das so transparent auf die Bühne gebracht wird, dass simultanes Spiel an mehreren Orten möglich wird. […] Hier führen Treppen im Hintergrund nur scheinbar nach oben oder unten – die Protagonisten wandern einfach in die andere Raumdimension, indem sie durch nebeneinander liegende Türen eintreten. Diese Platzierung von Figuren, die einander nicht bemerken, dennoch auf der Spielfläche kaum mehr als zwei, drei Meter entfernt stehen, sitzen oder liegen, auf gleicher Ebene bietet dem Publikum viel Anreiz seine Vorstellungskraft zu aktivieren. Das gelang in der von gut 750 Zuschauern besuchten Premiere ganz überzeugend. Das scheinbar chaotisch anmutende Bühnenbild, das ein verwohntes Mobiliar zeigt (Steffi Wurster, Nicole Pleuler), entpuppt sich als sorgsam arrangiertes Spielfeld, in dem kein Detail überflüssig ist: Da sind die Blech- und Plastikeimer, die auf das Unternehmen des trinkfesten Hausmieters Roland (Bruno Winzen) hinweisen, der sein Geld mit solchen Behältnissen macht. Da ist eine Gästeliege, die später vor eine Schranktür gerückt wird, aus der ein leicht durchgeknalltes Mädchen (Helen Wendt als Kitty) immer wieder vergebens herausstrebt. Und da ist ein schwabbeliges Wasser-Ehebett, auf dessen Liegefläche ein pummeliger junger Anwalt (Paul Steinbach) mit herzerfrischendem Ungeschick zu kämpfen hat. Energiebündel Steinbach glänzt auch rhetorisch in einer Rolle, die mit Sprache überhaupt nicht klar kommt: ein nervöser Stotterer, der auch intellektuell ein Ausfall ist. Die Komik der Handlung funktioniert, weil alle Vorgaben präzise umgesetzt werden. So muss der Abschiedsbrief von Rolands frustrierter Ehefrau Lizzy (kraftstrotzend: Marianne Kittel mit Hang zum Tänzerischen) genau zum rechten Zeitpunkt dem Anwalt Watson in die Hände fallen. Ein weiterer Abschiedsbrief (von Kitty) an Lizzys Bruder Mark (Adrian Linke) löst weitere Missverständnisse und Turbulenzen aus. Christopher Wintgens zeichnet den Hauseigentümer Leslie als kraftmeiernden Biker in finanziellen Nöten, der diese mit markig-rauer Stimme zu überspielen trachtet. Die menschlichen Schwächen der Protagonisten machen herzhaft lachen, aber oft blitzen aus ihren Augen, verzweiflungsvoll verzogenen oder erschreckten Mienen auch Abgründe auf. Adrian Linke meistert eine weitere Anti-Schauspiel-Rolle. Er muss einen verklemmt-verschrobenen Sonderling mimen, der von einem Anglergeschäft träumt und dicht seine langweilige Redeweise als menschliche Schlaftablette wirkt. Einfach grandios! Das Publikum war aufgeräumt und applaudierte heftig; Bravorufe gab es für Paul Steinbach.

[Rheinische Post, Mönchengladbach, 9. Januar 2012]

Immer den Schein wahren

„Treppauf Treppab“ unter der Regie von Walter Meierjohann feierte Premiere – und begeisterte die Zuschauer mit viel Witz
Die Zuschauer applaudieren den Akteuren begeistert nach der Premiere von „Treppauf Treppab“ am Freitagabend im Großen Saals des Rheydter Theaters zu. Es ist ja auch zu komisch, was die sechs Menschen in der Komödie des englischen Erfolgsautors Alan Ayckbourn alles tun, um den Schein zu wahren, mit dem sie sich und ihre Umwelt blenden – und gleichzeitig zu verfolgen, wie leicht der Putz blättert, mit dem sie versuchen, die Risse zu verbergen. […] Da ist Roland, der wirklich erfolgreiche Geschäftsmann – und Alkoholiker –, der ein morsches Haus kaufen will. Wie die Freunde versuchen ihn aufzuwecken und wach zu halten, nachdem sie erkannt haben, dass er auf die vielen Promille auch noch Schlaftabletten ge-nommen hat – das ist wirklich zu köstlich. Eine Wahnsinns-Choreografie, die da Adrian Linke als sein Schwager Mark und der Hausverkäufer Leslie, gespielt von Christopher Wintgens, mit Bruno Winzen als Roland vollführen. Das Publikum kommt aus dem Lachen kaum heraus. […] Da ist Rolands Frau Elizabeth, die einerseits versucht, der Langeweile in Rolands Haus zu entkommen und der Ansicht ist, an ihr wäre eine elfengleiche Tänzerin verloren gegangen. Wenn Marianne Kittel in dieser Rolle dann ihre Trainingssprünge absolviert, denkt der Zuschauer eher an Rumpelstilzchen und amüsiert sich köstlich. Wenn es am Ende dem jungen Anwalt Tristam (vielbejubelt Paul Steinbach), der Roland beim Kauf beraten soll, beim Anblick von Kitty (mit wenig Text, aber nicht weniger komisch Helen Wendt als Verlobte Marks) gelingt, sein Stottern und seine Hemmungen zu überwinden und endlich eine sinnvolle Rede am Stück herauszubringen, dann gibt es wenigstens einen Schimmer von Hoffnung am Horizont dieser trostlosen Konstellation und der Zuschauer ist restlos zufrieden.

[Westdeutsche Zeitung, Mönchengladbach, 9. Januar 2012]

Konfusionen allerorten

Adrian Linke ist der Fleisch gewordene verklemmte Spießer, dessen Lebenstraum ein eigener Anglerladen ist […]. Marianne Kittel gibt die Möchtegern-Diva Lizzie exaltiert zickig, während Bruno Winzen als cooler Geschäftsmann Roland überzeugt. […] Zweifellos verdient Paul Steinbach als unsicherer Anwalt Tristram besonderes Lob, gewinnt der doch im Laufe des Abends zunehmend an Präsenz und vermittelt den einzigen Hauch echter zwischenmenschlicher Beziehungen, wenn er gen Ende bei Kitty (Helen Wendt) seine Unsicherheit ablegt. […] Das Publikum in Mönchengladbach verfolgte den Abend mit viel Vergnügen und goutierte so manchen […] Gag […] höchst amüsiert.

[www.mehrtheater.de, 16. Januar 2012]

Premiere überzeugt mit bravourösen Schauspielern

In dieser Farce glänzt Paul Steinbach als tollpatschiger Anwalt, der kaum einen Satz klar aussprechen kann. Wenn es allerdings um die Dinge des Lebens geht, ist er der Mann der Stunde: Mit beiden Frauen im Stück liegt er zu Bette. […] Die drei Etagen des Hauses bilden den Rahmen für die Wünsche und Vorstellungen. Die Räume sind, den Regieanweisungen des vielgespielten britischen Autors folgend, nebeneinander angeordnet. Das Treppenhaus liegt dahinter, und das auf und ab der Figuren scheint vergeblich: Sie bleiben alle auf der schiefen Ebene dieses gelungenen Bühnenbildes mit nicht weniger als sieben Türen und einem Schrank. Regisseur Walter Meierjohann nutzt alle Möglichkeiten einer Komödie und gibt den Schauspielern großen Raum in einer Szenerie spießigen Bürgertums. Der Abend lebt von skurrilen Verwechslungen, plastischen Details und von den bravourösen Schauspielern. Marianne Kittel gibt die ehemalige Tänzerin artistisch. Adrian Linke überzeugt als Trottel Mark – wenn er etwas erzählt, schläft sein Gegenüber regelmäßig ein. Helen Wendt gelingt es wunderbar, die innere Leere Kittys auf ihr Gesicht zu legen, und Bruno Winzen verleiht seinem Roland eine glatte Fassade, die nur einmal bricht. Und den kleinen Anflug von Zweifel wischt er sofort weg – Roland bleibt, was er ist. Christopher Wintgens ist ein überzeugend schmieriger Bauunternehmer, der Roland das olle Haus verkauft hat – er hat sein Ziel erreicht. Am Ende bleiben Roland und Lissy im Ungewissen zurück, Mark ist selber eingeschlafen und Kitty hat den Weg ins Freie gefunden. Und Anwalt Tristram Watson – der grandiose Paul Steinbach – geht vielleicht ein Stück des Weges mit ihr zusammen.

[Westdeutsche Zeitung Krefeld, 4. April 2011]