Minutenlanger Beifall nach der Premiere von „Ich bin nicht Rappaport“. Das Publikum war begeistert von der Leistung der Schauspieler. Vor allem Matthias Oelrich und Joachim Henschke glänzen als kantige 81-Jährige. Regisseur Matthias Kniesbeck setzt auf die Kraft der leisen Töne.
So hört es sich an bei Preisverleihungen fürs Lebenswerk: Das Publikum jubelt, trampelt, steht auf und klatscht minutenlang. Genau so haben die Krefelder am Samstag ihre „Altstars“ gefeiert: Matthias Oelrich und Joachim Henschke, die dienstältesten Schauspieler des Theaters, die gerade in den Rollen wirklich alter Männer bestes Schauspieltheater geboten hatten. Zweieinhalb Stunden lang haben sie in Herb Gardners erfolgreichstem Stück „Ich bin nicht Rappaport“ mit viel Komik die Tragödie zweier 81-jähriger verkörpert. […] Regisseur Matthias Kniesbeck vertraut seinen Schauspielern. Und auch Janine Hoffmanns Bühne, die nur mit einer Bank, einer Laterne, einem Papierkorb, einer maroden Brücke und jeder Menge Laub gefüllt ist, lenkt alle Konzentration auf die Akteure. Zu Recht. Oelrich und Henschke sind besser als Jack Lemmon und Walther Matthau, wenn sie ihre Kleinkriege führen, denn sie spielen auch die dunklen Zwischentöne aus. Sie sind keine schrulligen Eigenbrötler, keine komischen Käuze, die sich im Alltag nicht zurechtfinden. Sie nehmen die Einschläge des Schicksals nicht mit Altersweisheit, sondern spachteln sie mit Galgenhumor zu. Die Knochen schmerzen, Existenzängste drücken. Straßengangster bedrohen sie – und schlagen sogar brutal zu. Sätze wie „Ihr sammelt alles, was alt ist; alte Häuser, alte Bilder, alte Autos – nur nicht alte Menschen“, treffen ins Mark. Die Szene, in der Nat seine Tochter mit einer Lüge zutiefst verletzt, weil er nicht ins betreute Wohnen will, geht unter die Haut. Esther Keil spielt die Tochter so feinnervig, dass der Konflikt zwischen der Fürsorge für den Vater, der Angst um sein Leben und dem Bewusstsein, dass er glaubt, abgeschoben zu werden, Gänsehaut macht. Der Autor Herb Gardner, gelernter Comiczeichner, hat die Figuren mit dem Präszisionsschreiber gezeichnet. Auf die traurigen Momente hat er schillernde Pointen aufgetupft. Kniesbeck lässt den Schauspielern den Raum, sie ohne Anlauf zu setzen, völlig unpathetisch. […] Ronny Tomiska und Tobias Wessler sind richtig fiese Fieslinge, wenn sie die alten Männer angreifen, Felicitas Breest zeigt die Not eines Mädchens, das an einen skrupellosen Dealer geraten ist. Das ist die Wirklichkeit, die die beiden Alten nicht zurechtrücken können. Ihr Kampf um Gerechtigkeit und die eigene Sicherheit bringt ihnen nur zwei kaputte Hüften ein. Und doch sind sie unverwüstlich, wenn sie wie zwei alte Cowboys im Sonnenuntergang zusammen auf der Bank sitzen. Kein Stück ohne Trost.
[Rheinische Post, Krefeld, 24. Oktober 2011]


