Kapriolen aus der Apfelkiste
Krefelder Sommernachtstraum von William Shakespeare begeistert durch Frische und Witz. […] Die Krefelder Inszenierung des Klassikers […] gibt der heute so strapazierten Kategorie der Komödie ihre wahre Bedeutung zurück
Im Wald stehen keine Bäume, sondern es kullern Massen von (echten) Äpfeln. Eine der spritzigen Ideen, mit denen Christine Hofer und Bühnenbildner Frank Hänig das Publikum überraschen und den Spieltrieb des Ensembles beflügeln. Elfenkönig Oberon (Joachim Henschke) und Fabeltroll Puck (Paul Steinbach) werfen sich die Rotbäckchen neckisch zu, während sie behaglich die liebestrunkenen Menschenkinder belauschen. […] Joachim Henschke erzeugt bewundernde Lacher, als er seinen Apfel wie einst der Seewolf seine Kartoffel mit der bloßen Hand zerquetscht. Der Apfel dient als Symbol von Sinneslust, Sünde und Verführung. Davon ist reichlich vorhanden im Krefelder Sommernachtstraum. König Theseus (ebenfalls Joachim Henschke) erscheint als verlotterter Lebemann im Bademantel, der sich gleichermaßen an Damen und Herren heranmacht. Seine Braut Hippolyta (Eva Spott) tippelt im Flittchen-Kostüm. Die von den Jünglingen umworbene Hermia (Felicitas Breest) und die unglücklich verliebte Helena (Helen Wendt) sind zickige Girlies in knappsten Minikleidern, die ihre Selbstvergötterung mit der Handykamera festhalten. Maskulin stürmisch, gern mit freiem Oberkörper, gehen Lysander (Felix Banholzer) und der von Liebeswahn verfolgte Demetrius (Ronny Tomiska) zu Werke. Thema ist die Liebe in ihrer Wirrung und Unberechenbarkeit. Dazu dient Shakespeare die Elfenwelt als Spiegel. Deren narrenhafte Anarchie symbolisiert die Abgründe in den Seelen der allzu menschlichen Menschen. Die Krefelder Fassung trifft den Ton, wenn sie abweichend vom Originaltext das berühmte Gedicht von Erich Fried einfließen lässt. […] Überhaupt ist der Text vielfach modernisiert und mit Alltagssprache durchsetzt. Bekenntnis der Regisseurin, Shakespeares Komödienklassiker unbefangen dem Spielwitz moderner Gemüter anheimzugeben. Dies gelingt ihr exzellent. Die Inszenierung hat Tempo. Das Ensemble nimmt sich selbstironisch auf die Schippe. Augenzwinkernde Situationskomik erzeugt eine stete Verbindung der guten Laune zum Publikum; als flösse die Wirklichkeit des Theatersaals in das Bühnenspiel mit ein. Fazit: Diese Inszenierung verleiht dem Shakespeare-Text moderne Frische. Sie macht einfach Spaß. Das begeisterte Publikum würdigte die Vorstellung denn auch mit langem, teils rhythmischen Applaus.
[Extra-Tipp Krefeld, 4. März 2012]
Lust-Spiel auf allen Ebenen
Die freie, mehrfach preisgekrönte Regisseurin Christine Hofer führt vor, wie auch in der Generation Apple der Verstand auf der Strecke bleibt, wenn sich die Triebe regen. Auch wenn die Athener Gesellschaft hier beflissen in die Laptops haut und die kreuz und quer Liebenden Erinnerungsfotos per Handy schießen – in Liebesangelegenheiten sind sie nicht klüger als die Elisabethaner. […] Es ist ein knackiger Spaß. […] Die sinnlichsten Momente schafft Ausstattungsleiter Frank Hänig, wenn er beim Szenenwechsel vom Hochglanzparkett der Athener Gesellschaft in den Elfenwald 4000 Äpfel auf die leicht schräge Bühne kullern lässt. Das riecht nach Verführung und verweist durch das Leucht-Apple-Emblem am Bühnenhimmel in die Gegenwart. Der Rest ist pures Lust-Spiel. Auf allen Ebenen. Die Akteure haben sichtlich Spaß am tolldreisten Liebes-Triebes-Reigen, in dem Paul Steinbach als tätowierter Puck die Fäden ziehen will. Hermia (Felicitas Breest) und Helena (Helen Wendt) sind verknallte Hühner mit hohen Hacken und kurzen Röcken, die miteinander gackern, rumzicken und Xavier Naidoo-Songs singen und in manchen Szenen bezaubernd mädchenhaft wirken. Die jungenhafte Bal-zerei von Lysander (Felix Banholzer) und Demetrius (Ronny Tomiska) ist witzig, kernig und U-30-tauglich. Hofers Inszenierung folgt einer zeitgemäßen Übersetzung von Jürgen Gosch und Team – ohne Schlegel-Tieck-Schnörkel, und die Schauspieler dürfen Sprüche dazu improvi-sieren. Joachim Henschke kostet das aus, als lustgreiser Theseus, der alles knutscht, was nicht rechtzeitig flüchtet, wirft er immer wieder Bemerkungen ins Publikum. In Hochform sind Christopher Wintgens, Cornelius Gebert, Daniel Minetti und Adrian Linke sowie Marianne Kittel: als Trupp der Elfenhelfer und Handwerker, bringen sie Monty-Python-Schräglage ins Spiel. Wintgens ist als verwunschener Zettel mit Eselskopf der Tempomacher nach der Pause. Ihm glaubt man die Verzweiflung des verwirrten Mannes, dessen erfüllte Wünsche sich als Horror entpuppen. Und mit der Idee, „Zettels Traum“ aufzuschreiben und die Spiegel-Bestsellerliste zu erobern, hat er die Bildungsbürger auf seiner Seite.
[Rheinische Post Krefeld, 27. Februar 2012]
Lust-Spiel auf allen Ebenen
Die freie, mehrfach preisgekrönte Regisseurin Christine Hofer führt vor, wie auch in der Ge-neration Apple der Verstand auf der Strecke bleibt, wenn sich die Triebe regen. Auch wenn die Athener Gesellschaft hier beflissen in die Laptops haut und die kreuz und quer Liebenden Erinnerungsfotos per Handy schießen – in Liebesangelegenheiten sind sie nicht klüger als die Elisabethaner. […] Es ist ein knackiger Spaß. […] Die sinnlichsten Momente schafft Ausstat-tungsleiter Frank Hänig, wenn er beim Szenenwechsel vom Hochglanzparkett der Athener Gesellschaft in den Elfenwald 4000 Äpfel auf die leicht schräge Bühne kullern lässt. Das riecht nach Verführung und verweist durch das Leucht-Apple-Emblem am Bühnenhimmel in die Gegenwart. Der Rest ist pures Lust-Spiel. Auf allen Ebenen. Die Akteure haben sichtlich Spaß am tolldreisten Liebes-Triebes-Reigen, in dem Paul Steinbach als tätowierter Puck die Fäden ziehen will. Hermia (Felicitas Breest) und Helena (Helen Wendt) sind verknallte Hühner mit hohen Hacken und kurzen Röcken, die miteinander gackern, rumzicken und Xavier Naidoo-Songs singen und in manchen Szenen bezaubernd mädchenhaft wirken. Die jungenhafte Bal-zerei von Lysander ((Felix Banholzer) und Ronny Tomiska) ist witzig, kernig und U-30-tauglich. Hofers Inszenierung folgt einer zeitgemäßen Übersetzung von Jürgen Gosch und Team – ohne Schlegel-Tieck-Schnörkel, und die Schauspieler dürfen Sprüche dazu improvi-sieren. Joachim Henschke kostet das aus, als lustgreiser Theseus, der alles knutscht, was nicht rechtzeitig flüchtet, wirft er immer wieder Bemerkungen ins Publikum. In Hochform sind Christopher Wintgens, Cornelius Gebert, Daniel Minetti und Adrian Linke sowie Marianne Kittel: als Trupp der Elfenhelfer und Handwerker, bringen sie Monty-Python-Schräglage ins Spiel. Wintgens ist als verwunschener Zettel mit Eselskopf der Tempomacher nach der Pause. Ihm glaubt man die Verzweiflung des verwirrten Mannes, dessen erfüllte Wünsche sich als Horror entpuppen. Und mit der Idee, „Zettels Traum“ aufzuschreiben und die Spiegel-Bestsellerliste zu erobern, hat er die Bildungsbürger auf seiner Seite.
[Rheinische Post Krefeld, 27. Februar 2012]
Sinnlichkeit im Zauberwald
Im Stadttheater hatte Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ am Samstag eine reichlich beklatschte Premiere. [...] Die lustigste Ebene ist die der Handwerker, die in [...] diesem Wald ein Theaterstück für die Hochzeitsfeier einstudieren. Sie sehen alle aus wie zersauste Banker. Handys und Laptops sind die unvermeidliche Referenz an die Moderne. In der Inszenierung von Christine Hofer gehört ihnen der erste und letzte Auftritt. So verschiebt Hofer die Gewichtung: Das Theater auf der Bühne rahmt die attischen Hierarchien und den Elfentraum ein. Im Stück der Handwerker glänzen die Schauspieler (Christopher Wintgens, Cornelius Gebert, Daniel Minetti, Adrian Linke, Marianne Kittel) – das Theater der einfachen Leute ist grotesk, derb, komisch und amüsiert ganz im Sinne Shakespeares. Bei der Hochzeitsfeier in Athen findet alles ein gutes Ende. Allerdings erst nach der Rückkehr aus dem Elfenreich, in dem Puck (Paul Steinbach) mit einem Zaubertrank alles auf den Kopf gestellt hat. Dabei verliebte sich Titania (Eva Spott) in einen Esel – und man glaubt es ihr sogar. In einer wunderbaren Szene sicht man Lysander (Felix Banholzer) seine Liebes-Verwandlung an. In seinen Augen ist nun Helena die schönste aller Frauen, und er spielt die trunkene Verzauberung mit großer Kraft. Sonst ist es schrill und laut und tierisch bei den Elfen: Die jungen Leute rennen umeinander, als hätten sie auch in ihrem Traum kein Ziel. Witzig sind die Elfen gewandet. Zu grünen Strickjacken tragen sie Lampenschirme als Kopfbedeckung und zerren müde Taue als Spinnweben hinter sich her. […] Die Sinnlichkeit des elisabethanischen Theaters wird derb betont. Viel nackte Haut, lange Beine, eklige Küsse des Theseus’ (Joachim Henschke) für beiderlei Geschlecht.
[Westdeutsche Zeitung Krefeld, 27. Februar 2012]
Shakespeare mit Äpfeln
Die Äpfel. 4000 an der Zahl taugen sie ganz gut zur Ausstattung des Oberon-Reiches. Sie liegen überall herum. In Haufen machen sie den leicht abfallenden Spiegelboden zur Stolperstrecke, kullern vereinzelt umher, dienen als Wurfgeschosse, Spielzeug, Zwischenmahlzeit. Rotbäckig und knackig stehen sie für Verführung, Natur, Anarchie. Das ist eine gelungene Idee mit Tragkraft über den Drei-Stunden-Abend, an der auch Haus-Ausstatter Frank Hänig seinen Anteil hat. […] Joachim Henschke als Oberon ist jener grantelnde Kotzbrocken, der vor lauter Lüsternheit nicht Hände, Zunge noch andere Glieder im Zaum halten kann. Er stolziert mit blankem Schädel oder Seeräubertuch durch die Äpfel, rotzt Shakespeares Reime und improvisierte Abfälligkeiten gegen Mitspieler und Publikum, dass einem schwindlig wird. Da kann nur Gegenspieler Paul Steinbach als ganzkörpertätowierter Puck mithalten, dessen helle, klare Stimme ein Genuss ist […]. Das Jungvolk – Felix Banholzer als Lysander, Ronny Tomiska als Demetrius, Helen Wendt als Helena [und Felicitas Breest als Hermia] – […] spielt vital wie frisch von der Schauspielschule. […] Die Handwerkerschar, die – wie alle Figuren Athens im Elfenwald ihr Alter Ego darstellen – [treiben] nicht nur mit skurril beleuchteten Lampenschirmen ihr Unwesen […], sondern [sind] auch beim abschließenden Schauspiel „Pyramus und Thisbe“ zum Schreien komisch […]. So soll es sein.
[Rheinische Post, Mönchengladbach, 12. Dezember 2011]