Lola Blau sitzt in Mönchengladbach fest und singt Lieder und bleibt wirkungslos vom eigenen Klang berauscht
Ziemlich traditionell, aber handwerklich solide hat Jürgen Pöckel das 1971 uraufgeführte, autobiografisch gefärbte Georg-Kreisler-Musical über die jüdische Theaterdebütantin in Szene gesetzt, die sich nach eigenen Angaben überhaupt nicht um Politik kümmert, aber Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts eben doch in den Sog der nationalsozialistischen Judenverfolgung und schließlich in Amerika in die Mühlen der Unterhaltungsindustrie gerät, ihre Vereinsamung im Alkohol zu ertränken sucht und bei ihrer Rückkehr nach Wien erkennt, dass man dort die jüngste Vergangenheit völlig ignoriert und sich letztlich nichts geändert hat. Lola Blau trifft ihren Geliebten nicht mehr wieder, sie nimmt in dieser Produktion am Ende nicht nur eine Handvoll Pillen ein, sondern verlässt die Bühne mit aufgekrempelter Jacke und Rasierklinge.
Die verschiedenen Handlungsorte begrenzen vier bewegliche Bühnenelemente, die gleichzeitig als Projektionsfläche für verschiedene Fotos dienen. Ergänzt werden sie durch Dutzende Telefone (sinnstiftend nimmt Lola als Veranschaulichung ihrer wachsenden Isolation viele Hörer ab, am Ende hört man viele Sekunden lang im Dunkeln ein Tuten), jede Menge Koffer natürlich, ein Schminkspiegel, ein paar Einrichtungsgegenstände. Wirkt die Vielzahl der Requisiten anfangs erschlagend und überflüssig, so erkennt man im Laufe des Abends, dass Ausstatterin Martina Lüpke auf diese Weise vergangene Szenen beim Publikum präsent halten möchte (…).
Gabriela Kuhn ist eine erfahrene Musicalinterpretin mit Opernausbildung (…), sie hat die Lola Blau am Landestheater Schleswig-Holstein bereits fast fünfzig Mal gespielt, von wo aus sie zusammen mit ihrem Mann, dem neuen Generalintendanten (…), an den Niederrhein gekommen ist und von wo man die Produktion übernommen hat. Die Sängerin ist stets um eine sorgfältige musikalische Gestaltung, präzise Diktion und leise Töne bemüht und enthält sich auch darstellerisch erfreulicherweise jeglicher Outrage, sie versucht nicht wie viele Kolleginnen und auch männliche Kreisler-Interpreten von Rang, um jeden Preis originell zu sein und all zuviel eigene Akzente zu setzen, sondern lässt die bemerkenswerten Songs eher für sich wirken, was in den ruhigeren Momenten fast durchgängig überzeugt (etwa bei den "Alten Tränen", das sehr dicht geriet). (…) Ihre Wandlungsfähigkeit beweist die Künstlerin in den sehr überzeugend präsentierten jiddisch angehauchten Songs, in ihrer deftigen Parodie der Frau Schmidt und natürlich im berühmten "Im Theater ist nichts los", das dem anfangs sehr trägen, am Ende aber lange applaudierenden Publikum am besten gefällt.
(…)
[omm 27.9.2010]
Lola Blau: Eine mitreißende Revue
Kreislers Musical begeisterte im Theater im Nordpark
Nicht umsonst wir sie eine Verwandlungskünstlerin genannt: Lola Blau, jüdische Sängerin, die im von den Nazis besetzten Wien eine Odyssee zwischen Bühne und Wirklichkeit durchlebt. Sie flüchtet über Basel und Paris nach Amerika, wo sie Karriere macht.
Der Wiener Schriftsteller und Satiriker Georg Kreisler hat rund um Lola Blau ein Musical geschrieben, das der aus Cottbus stammende Regisseur Jürgen Pöckel nun in einer Neuinszenierung auf die Bühne des Theaters im Nordpark (TiN) gebracht hat. Im kleinen Saal gelingt es Pöckel in beeindruckenden Bildern, eine packende Geschichte zu erzählen.
Den Hauptverdienst trägt Gabriele Kuhn. Hinreißend und anrührend verkörpert sie die Lola und verleiht ihr Intensität und Ausdruckskraft, der die Zuschauer gerne und leicht folgen können. In zahlreichen Kabarettliedern lässt sie (…) an ihrem Schicksal teilhaben. Lieder wie „Sie ist ein herrliches Weib“ verströmen Heiterkeit und Ironie. Unterlegt wird das von Szenen zwischen Koffern, Telefonen und wechselnden Kostümen geprägte Kammerspiel mit Toncollagen und begleitet von Bildern und Farben auf vier Quadern, die als ständig verschiebbare Projektionsflächen dienen. Pianist Karsten Seefing begleitet Kuhn durch die Revue und serviert melodische Farbtupfer. (…)
[Westdeutsche Zeitung, 27.9.2010]
Lola Blau: Ich hab’ die Lieb in meiner Tasche
Na, das war doch mal nett. Die Neue im Musiktheaterensemble, die sympathische und herzerfrischend vielseitige Gabriela Kuhn, legt ganz allein zwei Stunden Musical aufs Parkett des Kleinen Saals im TiN. „Heute Abend: Lola Blau“ ist von Georg Kreisler und eigentlich mit dem Gattungsbegriff „Musical“ eher etikettenschwindlerisch beschrieben. Im Grunde ist nämlich das, was hier geboten wird, ein klassischer Chanson-Abend, allerdings mit Tonband und Bühne. Nun, wenn man die Zwischentexte wegließe, kriegte man noch jede Menge Spaß, besonders, wenn jemand sein Handwerk so gut versteht wie die Kuhn, eingeschlossen Karsten Seefing am Flügel. Aber das soll ja was Ernstes sein, bei aller Unterhaltung, und politisch dazu, was Jürgen Pöckel vor drei Jahren am Schleswig-Holsteiner Landestheater inszeniert hat, und was jetzt hier Premiere feiert.
Denn die Lola Blau ist das Alter Ego von Kreisler, ihr Bühnen-Künstlerinnen-Leben geht wie bei dem Satiriker los mit dem ersten Engagement, mit dem es nichts wird, weil die Nazis im Vorkriegs-Österreich das Sagen haben. Und Lola ist Jüdin, zunächst noch recht naiv, später hat sie Glück, dass sie noch raus kommt Richtung gelobtes Land – USA. (…)
Gabriela Kuhn rettet den Abend. (…) Als die Technik versagt – Kuhns Kopfmikrophon will nicht mehr – ermisst man ganz das fabelhaft Können der Sängerin. Wirkte ihre Stimme vorher (und nach der Pause) wie durch die Übertragungstechnik weichgespült, entfaltete sie in der Not, den ganzen Saal füllen zu müssen, eine wunderbare Schärfe im Ron, tolle Präsenz besonders in den frechen Chansons. Das klingt so differenziert, ist getragen von einer körperlichen Präsenz, die vom koketten Wimpernschlag bis zu Tanzeinlagen geht, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Wie erinnern uns an Kreisler-typische Textlastigkeit, aber auch entzückende Couplets wie das von der Liebe in der Tasche, oder „Sex is a wonderful habit“, das die Kuhn sehr verrucht hinhaucht. So ist im Non-Happy-End alles gut.
[Rheinische Post, 27.9.2010]