Aktuelles Musiktheater Ballett Schauspiel niederrheinische sinfoniker Extras Theater Pädagogik
fx_adticket
 
 
Theater Krefeld/Möchengladbach

Joseph Süß

Im Bann der Macht

„Joseph Süß“ von Detlev Glanert in Mönchengladbach
(…) Frank Hänig hat in das Behelfstheater TIN (…) eine mobile graue Kerkerwand gebaut, die schnelle Szenenwechsel erlaubt. Für die filmartigen Rückblenden findet Jan-Richard Kehls Regie starke, manchmal überdeutliche Bilder. Die Inszenierung zeigt Oppenheimer nicht als passives Opfer, sondern als gebrochenen Charakter, auch als machtbewussten Taktiker, der, die Gier seines Souveräns nach Geld und erotischen Abenteuern bedient, obwohl er die eigene moralische Fragwürdigkeit erkennt. Glanerts assoziativ farbenreiche Musik die sich stilistischer Zuordnung entzieht, ist bei den Niederrheinischen Sinfonikern unter der umsichtigen Leitung von Kenneth Duryea in den besten Häinden. Man macht aus der Not der heiklen Akustik eine Tugend und spitzt Glanerts bisweilen parodistisch funkelnde Musik zu. Die Sänger überzeugen mit einer geschlossenen Ensembleleistung, voran lgor Gavrilovs flexibler Baritor in der Titelpartie, gefolgt von Christoph Erpenbeck (Herzog) und Walter Planté als gerissener Gegenspieler Weissensee.

[K.West Mai 2011]

Das Schicksal eines Sündenbocks

Langer Applaus für Oper „Joseph Süß“ in Mönchengladbach.
(…) Antisemitische Stimmung gibt das Libretto von Beginn an vor. „Jud, Judas!“ schreit der Herzog (Christoph Erpenbeck), „Judas!“ flüstert scharf der Chor. Regisseur Jan-Richard Kehl hat ihn am Anfang in den Zuschauerreihen platziert, das zieht den Besucher sofort ins Geschehen. Oppenheimer (Igor Gavrilov) sitzt schon im Kerker, sein Schicksal wird in Rückblenden aufgerollt. Eine riesige Wand mit Einschusslöchern ist zentrales Bühnenelement, also eine Hinrichtungsstätte. Sie gemahnt an die Nazi-Gräuel. Darauf projizierte Laufschriften ziehen das Geschehen aber auch in die Gegenwart, DAX-Werte erinnern an die Finanzkrise (Ausstattung: Frank Hänig). (…) Die Musik Glanerts in ihrer gemäßigten Zeitgenossenschaft verweigert schönen Gesang, kreiert aber spannungsreich dramatische Kontraste zwischen brüchigen Streicher-Flächen und pointiert rhythmisiertem Blech. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Kenneth Duryea spielen brillant. Und am Ende ergreift einen auch Oppenheimers Schicksal, der – getroffen vom Tod seiner Tochter – den vielleicht rettenden Übertritt ins Christentum verweigert. Das Publikum dankte mit langem Applaus.

[Westdeutsche Zeitung Mönchengladbach, 18. April 2011]

„Joseph Süß“ von Detlev Glanert in Mönchengladbach

Frank Hänig hat in das Behelfstheater TIN (…) eine mobile graue Kerkerwand gebaut, die schnelle Szenenwechsel erlaubt. Für die filmartigen Rückblenden der Lebensstationen findet Jan-Richard Kehls Regie starke, manchmal überdeutliche Bilder. Die Inszenierung zeigt Oppenheimer nicht als passives Opfer, sondern als gebrochenen Charakter, auch als machtbewussten Taktiker, der die Gier seines Souveräns nach Geld und erotischen Abenteuern bedient, obwohl er die eigene moralische Fragwürdigkeit erkennt. Glanerts assoziativ farbenreiche Musik, die sich stilistischer Zuordnung entzieht, ist bei den Niederrheinischen Symphonikern unter der umsichtigen Leitung von Kenneth Duryea in den besten Händen. Man macht aus der Not der heiklen Akustik eine Tugend und spitzt Glanerts bisweilen parodistisch funkelnde Musik zu. Die Sänger überzeugen mit einer geschlossenen Ensembleleistung, voran Igor Gavrilovs flexibler Bariton in der Titelpartie, gefolgt von Christoph Erpenbeck (Herzog) und Walter Planté als gerissener Gegenspieler Weissensee.

[www.kulturkenner.de, 20. April 2011]

Von der Klagemauer bis zum Erdbeben

Die Unseligkeit der Macht: Jan-Richard Kehl inszeniert Detlev Glanerts Oper „Joseph Süß“ im Theater Mönchengladbach.
Das Theater Mönchengladbach bringt nach „Der Spiegel des großen Kaisers“ und „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ nun auch Glanderts „Joseph Süß“ auf die Bühne. Dies ist für sich genommen schon eine ganz außerordentliche Anstrengung für ein Haus dieser Größe. Nach der Premiere (…) darf man getrost schwärmen von einer in weiten Teilen sehr ernsthaften, sehr interessanten Inszenierung auf herausragendem musikalischem Niveau.
Jan-Richard Kehl rückt mit seiner Inszenierung dem Publikum ganz schön auf die Pelle. Der Chor der Hofschranzen mokiert sich zu Beginn aus dem Parkett heraus über Süß’ Klage über Gott und die Welt, die er als zum Tod durch den
Strang Verurteilter im Kerker anstimmt. Zwei Rampen überspannen den Orchestergraben zur Bühne, auf die Ausstatter Frank Hänig ein Abbild der Jerusalemer Klagemauer stellt, die im Verlauf des 90-minütigen Abends einen grandiosen, gespenstischen Totentanz vollführt. Dieses schlichte Bühnenkunstwerk verkörpert die vielschichtigen religiösen Verweise ebenso kongenial wie die eiskalten machtpolitischen Elemente. Außerdem schafft es immer neue Räume für die Rückblenden, mit der die Geschichte filmhaft erzählt wird. Zudem kann sie Projektionsfläche sein für Video-Laufbänder mit Übertiteln oder Börsenkursen. (…) Glanerts Klänge gehen unter die Haut, illustrieren, kommentieren und verursachen mit schwerem Aufgebot an Trommeln und elektronischen Klangerzeugern am dramatischen Schluss an den Zuschauerrampen ein regelrechtes Erdbeben. Ganz außerordentlich souverän kontrolliert diesen manchmal auch plakativen Soundtrack Kenneth Duryea am
Pult der Niederrheinischen Sinfoniker. Äußerst präsent zeigt sich der Chor, auf beachtlichem Niveau die sieben Sänger-Solisten, denen ein Schauspieler (Tobias Wessler) diabolisch als Henker beigeordnet ist. Beim Bariton Igor Gavrilov ist die Titelpartie gut aufgehoben, Debra Hays meister die hoch virtuose Koloratursopran-Partie der Graziella, wunderbar einfühlsam singt Isabelle Razawi die Magdalena. (…)

[Aachener Zeitung, 18. April 2011]


(…) Hübsch schaurig bis gruselig die Sprechrolle von Tobias Wessler als Henker und Haushofmeister. Igor Gavrilov zeigt seine ganze Klasse, wenn er sich vom übermütigen, leicht arroganten Karriere-Juden langsam zum sphärischen Überzeugungsopfer Joseph Süß Oppenheimer wandelt. Höchst präsent Walter Planté in seiner Rolle als Sprecher der Landstände und Vater von Magdalena. Ausgestattet mit Mikroport, ist er häufig im Zuschauerraum unterwegs und erlangt so Stimmgewalt. Rabbi Magus bekommt die nötige Würde auch in Krisensituationen von Tobias Scharfenberger verliehen. Christoph Erpenbeck schließlich mimt gekonnt den Zögerer und Zauderer Herzog Karl Alexander. (…) Das Publikum reagiert adäquat auf den Abend, (…) bei Kenneth Duryea und dem Niederrheinischen Orchester trampeln die Füße. (…) Im Oktober findet die Wiederaufnahme in Krefeld statt – unter regulären Bedingungen für einen Opernbetrieb. Das sollte man auf keinen Fall versäumen! (…)

[www.opernnetz.de, 17. April 2011]

Glücksgriff in Gladbach

(…) Die Figuren sind bei Glanert ähnlich scharf, bisweilen überpointiert gezeichnet wie in Bergs „Wozzeck“. Die ambivalente Moral des Titelhelden erinnert an den Rigoletto. Auch der macht sich zum Helfer der herzoglichen Untaten, auch er versucht seine Tochter vor den Fängen des Schürzenjägers zu schützen. In beiden Fällen vergeblich. (…) Umso profilierter präsentiert sich das Umfeld, nicht nur der überdreht wahnwitzige Herzog von Christoph Erpenbeck oder der vom Judenhass zerfressene Weissensee von Walter Planté. Auf direkte Parallelen zum Holocaust verzichten sowohl Komponist als auch Regisseur. Die kann sich ohnehin jeder zusammenreimen. Die Bühne teilt eine bewegliche Klagemauer, an die Süß in den Kerkerszenen angekettet erscheint (Ausstattung: Frank Hänig). Eine eindrucksvolle Leistung des gesamten Hauses unter der musikalischen Leitung von Kenneth Duryea zu einem immer noch heiklen Thema, das Glanert und die Mönchengladbacher Crew jedoch ohne jede Büßerhaltung grell und effektvoll zur Diskussion stellen.

[Neue Rhein Zeitung, 18. April 2011]


Die Oper gibt sich musikalische nicht gerade zahm, doch spürt man immer wieder einen Ton des Humanen, des Leidens. Kenneth Duryea steuert mit klarem Taktschlag die Musik wie ein Fels in der Brandung. Igor Gavrilov in der Titelparte bietet (…) ein dichtes, beklemmendes Porträt. Als Herzog und Weissensee sind zwei führende Sängerdarsteller des Ensembles – Christoph Erpenbeck und Walter Planté – im Einsatz. Auch sonst Überzeugendes. Eine intelligente, die sparsame Ausstattung von Frank Hänig phantasievoll nutzende und den Zuschauerraum umfänglich einbeziehende Inszenierung liefert Jan-Richard Kehl.

[die deutsche bühne, 6/2011]

Eine politische Oper

Das Theater Krefeld/Mönchengladbach bietet mit JOSEPH SÜSS seine mittlerweile dritte Oper von Detlev Glanert. (…) Kenneth Duryea steuert mit klarem Taktschlag die Musik wie ein Fels in der Brandung. Großes Kompliment auch für das stark geforderte Orchester und den enthusiastisch singenden und agierenden Chor. (…) Als Herzog und Weissensee sind zwei führende Sängerdarsteller des Ensembles – Christoph Erpenbeck und Walter Planté – im Einsatz. Überzeugend auch Tobias Scharfenbergers eifernder Rabbiner Magus. Dessen Toch-ter Naemi wird berührend von Eva Maria Günschmann verkörpert, welche mit dieser Partie bereits im Vorjahr in Trier auf der Bühne stand; ihr gleich kommt Isabelle Razawi als Weis-sensees Tochter Magdalena. Als italienische Opernsängerin und herzogliche Maitresse Gra-ziella führt Debra Hays ihre unanfechtbare Koloraturgewandheit ins Feld. Jan-Richard Kehl liefert eine intelligente, die relativ sparsame Ausstattung von Frank Hänig fantasievoll nutz-dende und den Zuschauerraum umfänglich einbeziehende Inszenierung.

[orpheus Juli/August 2011]

Im Sog der Stigmatisierung

Die Krefelder Inszenierung der Oper „Joseph Süß" erleichtert Skeptikern den Einstieg in die Neue Musik.

Die Neue Musik weckt bei vielen Zuhörern Skepsis: „Schräge“ Töne sind nicht jedermanns Sache. In der Oper ,,Joseph Süß" treten solche Vorbehalte aber in den Hintergrund. Dies liegt zum Einen an der Musik selber. Komponist Detlev Glanert hat seinen Sängerinnen und Sängern eindrucksvolle Partien geschrieben, in denen sie ihre schönen Stimmen voll zur Geltung bringen können. Überdies lässt er mehrfach barocke Stimmungsbilder anklingen, die auch den eingefleischten Gegner der atonalen Musik versöhnlich stimmen. Harte Töne erfolgen vielfach als Unterstreichung entsprechender Textstellen, fast im Sinne einer Filmmusik. Wie im Kino verläuft auch das Bühnengeschehen. Statt eine fortlaufende Handlung zu erzählen, setzt das Stück um den jüdischen Finanzier Süß am Ende ein. (…) In Rückblenden analysiert das Stück die Geschehnisse, die zu diesem Ende führten. Das alles ist von Regisseur Jan Richard Kehl mitreißend, spannend und farbenprächtig in Szene gesetzt. Auf der Bühne ist ständig Bewegung. Diese Dynamik ausdrucksstarker Bilder dürfte den zweiten Grund bilden, weshalb sich auch für Skeptiker der Neuen Musik die Krefelder Aufführung zum Einstieg bestens eignet. (…)
Themen des Stückes sind Geld, Macht und Moral und vor allem die boshafte Erschaffung eines Sündenbocks für gesellschaftliche Misshelligkeiten. Regisseur Kehl schafft es durch einen eigenwilligen Kunstgriff, der hier nicht verraten werden soll, das Publikum unmittelbar am psychologischen Sog solcher Stigmatisierung teilhaben zu lassen. Die Wirkung geht unter die Haut. Das Krefelder Premierenpublikum dankte für die originelle Aufführung mit langem Applaus.

[Extra Tipp Krefeld, 06.11.2011]

Jude als Opfer

Die Niederrheinischen Sinfoniker sind auf die expressiv-farbenreiche Musik Detlev Glanerts exzellent vorbereitet! Unter dem engagiert-sensiblen Dirigat Kenneth Duryas entwickelt sich eine musikalische Atmosphäre äußerster Beklemmung. Jan-Richard Kehls Inszenierung vermittelt die musikalischen Intentionen; die Personen agieren im Wechsel von Frivolität, Brutalität, Heuchelei, Leiden und Schuld – bezieht permanent das Publikum ein. Ein Steg über den Orchestergraben, eine Barriere auf der Bühne vor einer bedrohlichen Mauer auf der Drehbühne: Frank Hänigs „Kommunikationsraum“ wirkt bedrängend-hermetisch. Igor Gavrilovs Joseph Süß beeindruckt mit intensiver Darstellung, artikuliert die Glanert-Klänge mit äußerst variabler Stimm-Kompetenz. Christoph Erpenbeck gibt einen skrupellos-lüsternen Herzog stimmlich souverän; Tobias Scharfenberger ist ein stimmkräftig-martialischer Rabbi. Die ausgebeuteten und missbrauchten Frauen werden von Eva Maria Günschmann als Naemi und Isabelle Razawi in der Rolle der Magdalena in ihrer Hoffnungslosigkeit ergreifend dargestellt – und interpretieren mit höchster Konzentration in den geforderten Tönen. Debra Hays hat als prostituierende Opernsängerin Gelegenheit zur „Vorstellung“ ihres wunderbar variantenreichen Soprans. Walter Planté ist ein bewegend leidender, korrupter Weissensee; und Tobias Wessler übernimmt die Rollen von Henker, Haushofmeister und Gerichts-Stimme mit prägnantem Ausdruck. Das Krefelder Haus ist sehr gut besucht, die Spannung begleitet die zweistündige Aufführung permanent! (…)

[www.opernetz.de, 07.12.2011]