Die Melancholie des Fado
Die sanfte Melancholie des Fados trifft auf den dynamischen Rhythmus des weltbekannten "Bolero". Aus diesen gegensätzlichen Stilen hat Robert North einen hinreißenden Ballettabend kreiert, der jetzt im Krefelder Theater eine umjubelte Premiere erlebte. (...) North erzählt die Geschichte der Maria Severa, einer historisch belegten Figur, die den Fado-Gesang im Portugal des 19. Jahrhunderts populär machte. In ihrem kurzen tragischen Leben spiegeln sich die Themen des Fado wider: eine leidenschaftliche Liebe, deren schmerzlicher Verlust und die Allgegenwart des Todes. (...) In Norths Choreografie zeigt sich - wie so oft - eine große Poesie und Musikalität. (...) Die Darstellung des Meeres als Sirene (Camilla Matteucci), die sich aus einem riesigen blauen Tuch wickelt, Schönheit und Gefahr gleichermaßen symbolisierend, gehört zu den stärksten Bildern des Abends. (...) In einer Taverne lernt Severa, die sich inzwischen als Fadosängerin einen Namen gemacht hat, einen Grafen (Alessandro Borghesani) kennen, der um sie wirbt. Sie geht darauf ein, doch die Erinenrung an den toten Geliebten lässt sie nicht los. Mit weißer Maske, wie der Tod selbst, drängt er sich zwischen das Paar und aus dem Pas de Deux wird eine hoch emotionale Dreierkonstellation. Ein Tanz, der nicht zuletzt durch die ausdrucksstarke Interpretation von Andrei-Sutter, Borghesani und Schmollgruber unter die Haut geht (...). Nach so viel Emotion bietet der "Bolero" einen guten Kontrast. (...) Fünf Paare (...) zeigen dabei eine Frische und Dynamik, die einfach bewundernswert ist. Das weltbekannte Stück zeichnet sich bei North neben athletischen Elementen auch durch Eleganz aus Darin zeigt sich Weltklasse, und Krefeld kann sich glücklich schätzen, so einen Ballettdirektor zu haben.
[Westdeutsche Zeitung, 10.10.2011]
Fado als getanztes Schicksal
(...) Was der Titel verspricht, hält North: Er nutzt alle Farben der Gefühlsskala von der bodenlosen Melancholie bis zur überbordenden Lebenskraft. Die Compagnie beweist erneut ihr hohes Niveau - und Karine Andrei-Sutter verleiht dem Abend strahlenden Glanz: Mit großer Dramatik, und dabei voller Anmut, gibt sie der jungen Sängerin, die ihren Schmerz und ihre Sehnsucht über die Stimme ausdrückt, Gestalt. Von Beginn an hat ihre Körpersprache einen melancholischen Unterton, der die Flüchtigkeit des Glücks vorwegnimmt. (...) Das Meer, das Severas Schicksal ist, spannt Bühnenbildnerin Luisa Spinatelli als blauzes Band über die Bühne. Es wogt sacht, wenn der Wanderzirkus aufzieht. (...) Akrobaten, Teufelsgeiger, die Frau mit Bart und eine orientalische Tänzerin könnten einem Fellini-Film entsprungen sein. Hier lernt Maria ihre große Liebe kennen (Emmerich Schmollgruber). In einem überschäumenden Pas de Deux voller Hebungen und Pirouetten flirten sie, nähern sich an. Schon in der nächsten Szene wird das erotisch knisternde Spiel zum Totentanz: Camilla Matteucci als verführerische Sirene fängt den Geliebten mit ihrem endlosen meerblauen Tuch ein. (...) Der Abend endet mit spanischem Feuer. North hat Ravels Bolero bereits früher als Perpetuum mobile interpretiert, das dem Leben der einfachen Leute entspricht: Gebückt kommen sie auf die Bühne, wie in religiösen Ritualen rutschen sie auf Knien, richten sich zu den Rhythmen auf. Präzise wie Rädchen eines Uhrwerks folgen sie der Monotonie des Rhythmus und steigern sich in der Energie zur Kraft der Melodie - ein fulminantes Crescendo.
[Rheinische Post, 10.10.2011]
Tanzabend voll Pracht und Wehmut
Großartige bewegte Bilder gelingen dem Ballettensemble beim zweiteiligen Tanzabend "Fado / Bolero" im TiN
Robert North, der Ballettchef des Theaters, hatte die Idee zu "Fado". (...) Die Auswahl der Musik hat North selbst getroffen und damit einen Coup gelandet: Der rote Faden geht trotz der kontrastreichen Ausdrucksvielfalt dieses Gesangs- und Musikstils der Portugiesen nie verloren.
Vor allem aber gelingt die Umsetzung eines famosen Tanzkonzepts, das mit klaren, nie überdreht oder selbstgefällig wirkenden Figuren der Compagnie Gelegenheit verschafft, immer neue Aha-Effekte auszulösen. Die Geschichte der Fado-Sängerin Maria Severa (1826-1840) wird mit den Mitteln prallen, bunten Volkstheaters erzählt. Dazu hat die erfahrene Mitstreiterin des Choreografen, die Italienierin Luisa Spinatelli, prachtvolle Kostüme entworfen, die vor dem wogenden Prospekt der blauen See eine Augenweide darstellen. Ein Kunstmoment greift dabei nahtlos ins andere, die tänzerische Qualität ist grandios, so dass in diesem Fall von einer Sternstunde des Balletts zu reden ist! Zirzensische Akrobatik, poetisch zarte Bilder der Sängerin Maria, deren Gesang Karine Andrei-Sutter mit betörend schwebender Eleganz in Tanzsprache übersetzt, und witzig-humoristische Volksszenen wechseln einander ab. (...)
Eine ganz andere, spanische Welt entfaltet sich im letzten Drittel des Tanzabends: Ravels "Boléro" liefert mit seinem pulsierenden Ostinato im Dreivierteltakt eine solide Basis für das 15-köpfige Ensemble. Wieder schlagen die funkelnde tänzerische Brillanz und der Reichtum der Bewegungs-Ideen das Publikum in Bann. (...)
[Rheinische Post, 21.03.2011]
Die Sehnsucht des Fado
Ausgiebig bejubelt wurde im Theater im Nordpark der neue zweiteilige Abend von Ballettdirektor Robert North. (...) Zunächst also ein Handlungsballett (...) mit großem Ensemble. Karine Andrei-Sutter gibt die Maria Severa (1820-1846). Im Soundtrack mixt North geschickt elegische Fado-Lieder und rhythmisch intensive Instrumentalstücke. (...) Den "Bolero" hat North für fünf Tänzerinnen und fünf Tänzer arrangiert. (...) Das Crescendo der Musik setzt North geschickt in Bewegungsintensität um, die wechselnde Instrumentierung des ständig wiederholten Ravel-Themas spiegelt er, indem er verschieden starke Teilensembles (Duo, Trio, Quartett und so fort) tanzen lässt. Am Schluss bricht die ganze Truppe zum brachialen Schlussakkord zusammen.
[Westdeutsche Zeitung, 21.03.2011]